
Es ist eine der ältesten und schmerzhaftesten Geschichten des Weltfußballs: Seit dem legendären Wembley-Tor von 1966 wartet England auf seinen zweiten WM-Titel. Beinahe 60 Jahre, sechs Jahrzehnte voller Hoffnungen, Tränen und Elfmeter-Dramen liegen zwischen dem damaligen Triumph von Bobby Moore und der heutigen Generation um Harry Kane, Jude Bellingham und Bukayo Saka. Vor der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko soll nun ausgerechnet ein Deutscher das englische Dauer-Trauma beenden: Thomas Tuchel.
Die Verpflichtung des früheren Bayern- und Chelsea-Trainers im Januar 2025 war eine kleine Sensation. Er ist erst der dritte ausländische Coach der Verbandsgeschichte und der erste Deutsche überhaupt. Der englische Verband FA reagierte damit auf die Enttäuschung des verlorenen EM-Finals 2024 gegen Spanien. Gareth Southgate hatte England zwar zu zwei Endspielen geführt, doch der letzte Schritt blieb verwehrt. Zu zaghaft, zu emotionslos, zu defensiv – so lautete das harte Urteil über das Erbe des langjährigen Teamchefs.
Tuchel soll nun genau das einbringen, was vielen englischen Mannschaften der vergangenen Jahrzehnte fehlte: Klarheit, taktische Disziplin und jene berühmte "deutsche Mentalität", die in Wembley und Turin schon so oft zum Verhängnis wurde. "Wir müssen lernen, in den entscheidenden Momenten kalt zu sein", sagte Tuchel kurz nach seinem Amtsantritt. Eine Botschaft, die in England wie eine Kampfansage an die eigene Geschichte klingt – und die in der Qualifikation bereits erste Wirkung gezeigt hat.
Spielplan: England
| Mi, 17.06.2026 | Lumen Field | | | ENG | CRO | | | - : - | |
| Di, 23.06.2026 | Lincoln Financial Field | | | ENG | GHA | | | - : - | |
| Sa, 27.06.2026 | Arrowhead Stadium | | | PAN | ENG | | | - : - | |
WM Spielplan →
Sportlich hat England ohnehin Kader, von dem andere Nationen nur träumen können. Im Sturm der unverwüstliche Harry Kane, im Mittelfeld der Weltklasse-Spieler Jude Bellingham, dazu Phil Foden, Cole Palmer, Declan Rice und das junge Flügelduo Saka/Bowen. Tuchel experimentiert seit Monaten mit Systemen zwischen 4-2-3-1 und 3-4-2-1, um die individuelle Klasse besser zur Geltung zu bringen. Auffällig: Die Three Lions agieren unter dem neuen Trainer deutlich pressingintensiver, vertikaler und mutiger im Spielaufbau als zuletzt.
Doch die Erwartungen sind eine Last für sich. In keinem anderen Land ist der Druck auf die Nationalmannschaft so erdrückend wie in England. Die Boulevardpresse zelebriert jedes Detail, jeder Patzer wird zur Staatsaffäre. Tuchel kennt dieses mediale Klima aus seiner Zeit bei Chelsea – und gilt als einer der wenigen Trainer, die damit umgehen können. Bei den Three Lions hat er bewusst Distanz zur Öffentlichkeit aufgebaut, hält Pressekonferenzen kurz und konzentriert sich auf die Arbeit am Platz.
Die Konkurrenz bei der WM 2026 wird allerdings hart. Titelverteidiger Argentinien um Lionel Messi, Frankreich mit Kylian Mbappé, Spanien als amtierender Europameister und Brasilien lauern. Dazu kommen ungewohnte Bedingungen: Hitze in Mexiko, lange Reisen quer durch Nordamerika, ein neuer Modus mit 48 Teams. England braucht nicht nur Klasse, sondern auch Robustheit und Anpassungsfähigkeit.
Genau hier liegt Tuchels größte Mission. Er will aus einer Mannschaft, die immer wieder am eigenen Anspruch scheiterte, ein Turnierteam formen, das in K.o.-Spielen kühl bleibt. Gelingt ihm das, könnte 2026 endlich das Jahr sein, in dem England sein 60 Jahre altes Trauma überwindet – ausgerechnet mit der Hilfe eines deutschen Trainers.