
Es ist eine der bemerkenswertesten Geschichten der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2026: Haiti, ein Land, das seit Jahren im Würgegriff von Bandenkriegen, politischem Chaos und humanitärer Katastrophe steht, hat sich nach 52 Jahren Wartezeit wieder für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Zum ersten Mal seit dem Turnier 1974 in Deutschland werden die "Grenadiers" wieder auf der größten Bühne des Weltfußballs zu sehen sein – ein sportliches Wunder vor dem Hintergrund einer nationalen Tragödie.
Die Ausgangslage hätte kaum schwieriger sein können. In der Hauptstadt Port-au-Prince kontrollieren bewaffnete Banden weite Teile des Stadtgebiets, der internationale Flughafen war zeitweise geschlossen, und ein geregelter Trainingsbetrieb im eigenen Land ist seit Monaten praktisch unmöglich. Die haitianische Nationalmannschaft musste sämtliche "Heimspiele" der Qualifikation ins Ausland verlegen – unter anderem in die Dominikanische Republik und nach Curaçao. Von Heimvorteil keine Spur, von Normalität ohnehin nicht.
Dass die Mannschaft unter diesen Umständen den Sprung ins erweiterte 48er-Teilnehmerfeld geschafft hat, ist das Verdienst eines klug zusammengestellten Kaders. Trainer Sébastien Migné setzt auf eine Mischung aus in Haiti geborenen Profis und Spielern mit haitianischen Wurzeln, die in Europa und den USA ausgebildet wurden. Stars wie Duckens Nazon, der vielseitige Offensivspieler Frantzdy Pierrot sowie Talente aus den Nachwuchsakademien französischer und belgischer Klubs bilden das Rückgrat. Besonders die Defensive um Ricardo Adé erwies sich in den entscheidenden Spielen der CONCACAF-Qualifikation als überraschend stabil.
Spielplan: Haiti
| So, 14.06.2026 | BMO Field | | | HAI | SCO | | | - : - | |
| Sa, 20.06.2026 | Gillette Stadium | | | BRA | HAI | | | - : - | |
| Do, 25.06.2026 | MetLife Stadium | | | MAR | HAI | | | - : - | |
WM Spielplan →
Der entscheidende Moment kam in der finalen Qualifikationsrunde, als Haiti gegen Nicaragua, Costa Rica und Honduras bestehen musste. Mit taktischer Disziplin, viel Laufbereitschaft und einer beeindruckenden mentalen Geschlossenheit setzte sich das Team durch. "Wir spielen für ein Volk, das Hoffnung braucht", sagte Kapitän Carl Sainté nach dem entscheidenden Spiel. "Jeder Pass, jeder Zweikampf ist ein Zeichen, dass Haiti noch lebt."
Tatsächlich hat der Erfolg der Nationalmannschaft eine Bedeutung, die weit über den Sport hinausgeht. In einem Land, in dem rund die Hälfte der Bevölkerung unter Hunger leidet und mehr als eine Million Menschen auf der Flucht sind, wurde der Qualifikationssieg zu einem seltenen Moment kollektiver Freude. Auf den wenigen sicheren Straßen feierten Menschen mit Trommeln und Fahnen, in den Sozialen Medien kursierten Videos jubelnder Familien aus der haitianischen Diaspora in Miami, Montréal und Paris.
Der haitianische Fußballverband FHF steht jedoch vor enormen Herausforderungen. Die Vorbereitung auf das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko muss komplett im Ausland organisiert werden. Es fehlt an Geld, an Infrastruktur und an stabilen Trainingsbedingungen. Internationale Hilfe, auch von der FIFA, wird dringend benötigt. Bereits jetzt steht fest, dass Haiti seine Vorbereitungslehrgänge in den USA und Europa absolvieren wird.
Sportlich gehört Haiti zu den Außenseitern des Turniers – die Gruppenphase dürfte zur Bewährungsprobe gegen deutlich besser ausgestattete Gegner werden. Doch allein die Teilnahme ist bereits ein historischer Erfolg. 52 Jahre nach dem legendären Tor von Emmanuel Sanon gegen Italien bei der WM 1974 schreibt eine neue Generation haitianischer Fußballer Geschichte. In einem zerrissenen Land sind sie zu Symbolen geworden – für Widerstandskraft, Stolz und die unverwüstliche Kraft des Sports.