
Eine Weltmeisterschaft beginnt für die meisten Fans mit dem Anpfiff des Eröffnungsspiels – für die Teams allerdings schon viel früher: bei der Anreise. Und während heute Chartermaschinen, VIP-Lounges und reservierte Hotelflügel zum Standard gehören, gab es in der WM-Geschichte Reisen, die man sich im Zeitalter moderner Teamlogistik kaum noch vorstellen kann. Wir haben einige der kuriosesten Transportgeschichten zusammengetragen – ein kleiner Streifzug durch acht Jahrzehnte Fußball, der zeigt, dass der Weg zum Turnier manchmal fast so spannend war wie das Turnier selbst. Mehr spannende Geschichten rund um das Turnier findet ihr auch in unserer WM-Geschichte.
Beginnen wir mit einem Beispiel, das eher ins Reich der schönen Legenden gehört: der angeblichen „Lama-Parade“ Boliviens vor der WM 1950 in Brasilien. In späteren Erzählungen heißt es, die bolivianische Delegation sei vor der Abreise feierlich mit Lamas durch La Paz gezogen. Für diese Szene gibt es allerdings keine belastbare historische Quelle – sie sollte deshalb eher als folkloristische Anekdote denn als gesicherte Tatsache gelten. Sicher ist dagegen, dass die Reise nach Brasilien 1950 für viele Mannschaften logistisch deutlich aufwendiger war als heute. Flugverbindungen waren noch langwierig, und nicht alle Teams konnten auf komfortable Direktverbindungen zurückgreifen.
Besonders gut dokumentiert ist die beschwerliche Reise der englischen Mannschaft. Zur WM 1950 flog England mit einer Lockheed Constellation nach Brasilien. Die 31-stündige Reise führte über Paris, Lissabon, Dakar und Recife nach Rio de Janeiro. Von den 20 Spielern waren zunächst nur 17 an Bord. Die übrigen mussten sich aus unterschiedlichen Gründen später nach Brasilien durchschlagen.
Eine Besonderheit gab es im englischen Aufgebot von 1950 obendrein: Stanley Matthews war zunächst gar nicht für die Reise nach Brasilien vorgesehen. Der spätere englische Weltstar war mit einer FA-Auswahl auf einer Goodwill-Tour durch Kanada unterwegs. Erst nachdem er dort überzeugt hatte, erhielt er die Nachricht, nach Brasilien nachzureisen. Matthews flog daraufhin über New York und Trinidad und erreichte Brasilien nach rund 28 Stunden – nur wenige Tage vor Englands erstem Spiel.
Noch abenteuerlicher war die Anreise Südkoreas zur WM 1954 in der Schweiz. Die Mannschaft brach erst sechs Tage vor Turnierbeginn auf. Zunächst ging es mit dem Zug von Seoul nach Busan, anschließend per Schiff nach Japan. Dort stellte sich heraus, dass das vorgesehene Flugzeug zu klein war. Die Mannschaft musste aufgeteilt werden; eine Gruppe flog über Kalkutta und Italien in die Schweiz, wobei unterwegs sogar ein Propellerschaden für eine zusätzliche Verzögerung sorgte. Die übrigen Spieler reisten über Bangkok nach Europa. Insgesamt verbrachten die Koreaner rund 65 Stunden allein in Flugzeugen und trafen erst am Vorabend ihres ersten Spiels in der Schweiz ein.
Auch die Reise der DDR zur WM 1974 hatte einen besonderen historischen Hintergrund. Die Mannschaft nahm erstmals an einer Weltmeisterschaft teil – ausgerechnet in der Bundesrepublik Deutschland. Die DDR und die Bundesrepublik wurden zudem in dieselbe Vorrundengruppe gelost und trafen am 22. Juni 1974 in Hamburg aufeinander. Das Turnier war damit nicht nur ein sportliches Ereignis, sondern auch ein außergewöhnliches Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Zaire sorgte bei derselben Weltmeisterschaft ebenfalls für Schlagzeilen. Präsident Mobutu nutzte die Teilnahme der Mannschaft zur politischen Selbstdarstellung und stattete die Delegation großzügig aus. Das Team wurde in Deutschland entsprechend prominent behandelt und untergebracht. Die Vorstellung einer regelrechten „Staatsreise“ mit einer außergewöhnlichen Anreise lässt sich allerdings nicht so eindeutig belegen, wie es manche spätere Darstellungen nahelegen. Sicher ist jedoch, dass Mobutu der WM-Teilnahme große politische Bedeutung beimaß.
Was lehrt uns das? Die Reise zur WM war über Jahrzehnte selbst ein Teil des Mythos – zwischen Propellermaschinen, langen Zwischenstopps, improvisierten Reiseplänen und Legenden. Und auch die WM 2030 wird in Sachen Reiselogistik eine Besonderheit: Neben Spanien, Portugal und Marokko finden drei Jahrhundertspiele in Uruguay, Argentinien und Paraguay statt. Damit verbindet das Turnier erstmals sechs Länder auf drei Kontinenten. Die FIFA plant deshalb zusätzliche Reise- und Erholungszeiten für die betroffenen Mannschaften ein.
Wer sehen will, wie sich der Weg zur WM 2030 entwickelt, findet alle aktuellen Partien in unserem Spielplan der WM-2030-Qualifikation. Und wer weiß: Vielleicht sorgt ja auch 2030 wieder eine Mannschaft für eine Anreise, über die noch Jahrzehnte später geschmunzelt wird.