Wenn in der südamerikanischen WM-2030-Qualifikation die Nationalmannschaften von Brasilien oder anderen CONMEBOL-Topteams in Richtung Bolivien reisen, beginnt für sie eine der unangenehmsten Dienstreisen des internationalen Fußballs. Das Estadio Hernando Siles in La Paz liegt auf rund 3.580 Metern über dem Meeresspiegel – und ist seit Jahrzehnten eine der größten sportlichen Waffen Boliviens. Noch extremer ist das höher gelegene Estadio Municipal de El Alto, das je nach Quelle rund 4.070 bis 4.100 Meter hoch liegt und inzwischen ebenfalls für Länderspiele genutzt wird.
Die dünne Luft bedeutet bei einem schnellen Aufstieg eine geringere Sauerstoffverfügbarkeit und kann körperliche Leistungsfähigkeit und Erholung beeinträchtigen. Studien zur Höhenexposition zeigen unter anderem sinkende Sauerstoffsättigung und eine reduzierte maximale Sauerstoffaufnahme; eine Akklimatisation kann diese Effekte teilweise abmildern. Spieler, die kurzfristig aus tieferen Lagen anreisen, können deshalb unter Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel oder schnellerer Ermüdung leiden. Auch die Flugeigenschaften des Balls verändern sich: Wegen der geringeren Luftdichte kann er weiter und schneller fliegen, während sich Flugbahn und Kurvenverhalten verändern. Das kann insbesondere bei langen Bällen und Schüssen eine Rolle spielen.
Die Statistik untermauert den Mythos – allerdings nicht jede spektakuläre Zahl am selben Spielort. In der Qualifikation zur WM 2026 gelang Bolivien am 9. September 2025 ein viel beachteter 1:0-Sieg gegen Brasilien, allerdings nicht im Hernando Siles, sondern im noch höher gelegenen Estadio Municipal de El Alto. Brasilien verlor dort bei etwa 4.100 Metern Höhe durch ein Tor von Miguel Terceros. Das Ergebnis befeuerte die Debatte um den Höhenvorteil erneut, ist aber streng genommen kein Beleg für Boliviens Heimstärke im Hernando Siles.
Dass die Höhe auch in La Paz eine Rolle spielen kann, zeigt der legendäre 6:1-Sieg Boliviens gegen Argentinien am 1. April 2009 im Estadio Hernando Siles. Bolivien gewann das WM-Qualifikationsspiel gegen die von Diego Maradona trainierte argentinische Auswahl mit 6:1.
Die FIFA hatte 2007 tatsächlich versucht, internationale Spiele oberhalb von 2.500 Metern zu untersagen. Nach massiven Protesten aus Südamerika wurde die Grenze zunächst auf 3.000 Meter angehoben; La Paz blieb damit weiterhin ausgeschlossen. In die Protestkampagne schaltete sich auch der damalige bolivianische Präsident Evo Morales ein, der demonstrativ selbst in großer Höhe Fußball spielte. Die damalige Regelung wurde später nicht als dauerhaftes Höhenverbot für La Paz beibehalten. Für die WM-2030-Qualifikation sind derzeit keine bestätigten neuen FIFA-Pläne für ein entsprechendes Verbot öffentlich bekannt; eine solche Entwicklung wäre daher als Spekulation zu kennzeichnen.
Sportlich steht Bolivien vor einer gewaltigen Herausforderung. Seit der WM 1994 in den USA hat sich die Mannschaft für keine weitere WM-Endrunde qualifiziert. In der Qualifikation für die WM 2026 belegte Bolivien allerdings den siebten Platz und erreichte damit das FIFA-Play-off-Turnier, scheiterte dort aber im März 2026 an Irak. Die Heimspiele in großer Höhe bleiben damit ein wichtiges Element der bolivianischen Strategie im Kampf um eine WM-Teilnahme.
Für 2030 sollte allerdings nicht von einer bereits feststehenden „südamerikanischen WM-Qualifikation“ mit konkretem Modus gesprochen werden. FIFA hat zwar Spanien, Portugal und Marokko als Gastgeber sowie Argentinien, Paraguay und Uruguay als Ausrichter der drei Jubiläumsspiele festgelegt; diese sechs Länder sind automatisch qualifiziert. Der genaue Qualifikationsweg der übrigen CONMEBOL-Teams ist dagegen noch nicht in einem offiziellen 2030-Spielplan festgeschrieben.
Die Debatte um Fairness ist dabei keine rein bolivianische. Auch Ecuador trägt seine Heimspiele in Quito auf rund 2.800 Metern aus, während Kolumbien traditionell Bogotá als Spielort nutzt. Die grundsätzliche Frage lautet deshalb, wie stark natürliche Standortbedingungen im internationalen Fußball berücksichtigt werden sollen. Ein pauschales Höhenverbot würde insbesondere Länder treffen, deren wichtigste Stadien in hoch gelegenen Städten liegen.
Für die Fans ist Bolivien jedenfalls ein Stück lebendiger WM-Folklore. Welche Teams sich am Ende tatsächlich für das Turnier in Spanien, Portugal und Marokko qualifizieren und wann die entscheidenden Partien in der Höhe angepfiffen werden, zeigt der aktuelle Spielplan der WM-Qualifikation. Eines ist sicher: Wenn Brasilien, Argentinien oder ein anderes Spitzenteam erneut in La Paz oder El Alto antreten muss, wird die Höhenfrage wieder eine zentrale Rolle spielen.